Wenn von einem besonders großen und zugleich wertebasierten Kooperativen-Netzwerk in Südkorea gesprochen wird, fällt sehr häufig der Name Hansalim. Hansalim gilt als eines der bekanntesten Beispiele dafür, wie Produzent:innen und Mitglieder gemeinsam ein alternatives Lebensmittelsystem aufbauen können, das nicht nur auf Handel, sondern auf Verantwortung, Beziehung und langfristiger Versorgungssicherheit beruht.
Interessant ist Hansalim vor allem deshalb, weil es sich nicht einfach um eine Bio-Handelskette handelt. Vielmehr ist es eine gewachsene Bewegung, in der Landwirtschaft, Verteilung, Qualitätsverständnis, Bildung und gemeinschaftliche Organisation miteinander verbunden sind. Wer sich mit zukunftsfähigen Formen des Wirtschaftens und der Ernährung beschäftigt, findet hier ein besonders aufschlussreiches Beispiel.
Hansalim ist ein südkoreanisches Netzwerk aus Produzent:innen- und Konsument:innen-Kooperationen, das seit den 1980er Jahren aufgebaut wurde. Der Name wird häufig sinngemäß mit „alles Lebendige bewahren“ oder „das Leben erhalten“ erklärt, etwa in der Beschreibung des Hansalim-PGS bei IFOAM.
Im Mittelpunkt steht die Idee, dass Lebensmittel nicht bloß Ware sind, sondern Teil einer lebendigen Beziehung zwischen Land, Menschen und Gemeinschaft. Der Aufsatz The Hansalim Life Movement and new cooperativism in South Korea beschreibt Hansalim deshalb nicht nur als Genossenschaftsverbund, sondern als Hansalim Life Movement – also als Bewegung, die ökologische, soziale und wirtschaftliche Fragen zusammen denkt.
Bis 2022 war Hansalim laut Jonathan Dolley zu einer Föderation mit 844.246 Mitgliedshaushalten, mehr als 2.303 landwirtschaftlichen Produzent:innen-Haushalten, 110 Verarbeitungseinheiten und 242 Läden in Städten im ganzen Land gewachsen. Diese Größenordnung macht deutlich, dass hier nicht nur ein lokales Projekt, sondern ein landesweites System entstanden ist.
Die Wurzeln von Hansalim liegen in den gesellschaftlichen und agrarpolitischen Umbrüchen Südkoreas der 1980er Jahre. Laut dem Beitrag von Jonathan Dolley entstand die Bewegung aus dem Zusammenspiel von Demokratiebewegung, bäuerlichem Widerstand, ökologischer Sorge und der Suche nach einer anderen Form des Zusammenlebens. 1989 wurde das Hansalim Manifesto veröffentlicht, das eine grundlegende Kritik an zerstörerischen Formen von Industrialisierung formulierte und eine lebensdienliche Alternative skizzierte.
Ein gut zugänglicher Überblick findet sich auch im Beitrag Hansalim: The Origin of Korea’s Eco-friendly Local Food Cooperative Movement. Dort wird beschrieben, dass Hansalim 1986 als kleiner Reisladen in Seoul begann und sich von dort aus zu einer landesweiten Partnerschaft zwischen Produzent:innen und Mitgliedern entwickelte.
Damit zeigt sich: Hansalim ist nicht aus einer Marketingidee entstanden, sondern aus einer gesellschaftlichen Bewegung, die Landwirtschaft, Ernährung und Verantwortung neu miteinander verbinden wollte.
Ein zentrales Merkmal von Hansalim ist die enge Verbindung zwischen den Menschen, die Lebensmittel erzeugen, und den Menschen, die sie beziehen. Der Aufsatz von Jonathan Dolley beschreibt Hansalim als multi-stakeholder federation, also als föderiertes System, in dem verschiedene Beteiligte zusammenwirken, auch wenn das koreanische Genossenschaftsrecht diese Struktur nicht vollständig abbildet.
Die Produzent:innen sind in lokalen Produktionsgemeinschaften organisiert, während die Mitglieder in 30 lokalen, autonomen Konsumgenossenschaften zusammengeschlossen sind. Diese lokalen Kooperativen betreiben die Läden, organisieren Treffen, Bildungsformate und Gemeinschaftsaktivitäten und bilden so das gesellschaftliche Rückgrat des Netzwerks.
Hansalim ist bemerkenswert, weil es Landwirtschaft, Verarbeitung, Verteilung und Beziehungspflege nicht voneinander trennt. Nach der Beschreibung im One World Award Gold 2014 für die Korean Hansalim Federation basiert das Modell auf einem gegenseitigen Versprechen:
Die Produzent:innen übernehmen Verantwortung für gesunde Lebensmittel, und die Mitglieder übernehmen Verantwortung dafür, dass die Produzent:innen unter würdigen Bedingungen wirtschaften können.
Darin liegt ein entscheidender Unterschied zu rein marktförmigen Handelsbeziehungen. Es geht nicht nur um Einkauf und Verkauf, sondern um eine gegenseitige Absicherung.
Hansalim hat früh eigene Formen der Qualitätssicherung entwickelt. Die IFOAM-Seite zum Hansalim-PGS beschreibt das Hansalim-PGS als ein eigenes Produktions- und Qualitätsmanagementsystem. Dort wird auch hervorgehoben, dass Hansalim schon lange vor der staatlichen Einführung entsprechender Standards in Südkorea ökologische Landwirtschaft ohne chemische Düngemittel und Pestizide praktizierte.
Das ist besonders interessant, weil damit deutlich wird: Vertrauen wird hier nicht nur behauptet, sondern organisatorisch unterlegt. Qualität entsteht nicht allein durch ein externes Siegel, sondern durch Beziehungen, gemeinsame Standards und laufende Aushandlung.
Hansalim ist groß geworden, ohne vollständig zu einer zentralisierten Einheitsorganisation zu werden. Laut Jonathan Dolley gibt es neben den lokalen Konsumgenossenschaften auch Produzent:innen-Zusammenschlüsse, eine Business Federation für zentrale Koordination sowie mehrere unterstützende Einrichtungen, darunter ein Forschungsinstitut, ein Verlag, ein Solidaritätsfonds und eine Stiftung.
Diese föderierte Struktur ist bedeutsam, weil sie lokale Eigenständigkeit mit gemeinsamer Handlungsfähigkeit verbindet. Wachstum wird dadurch nicht nur als Vergrößerung verstanden, sondern als Aufbau eines tragfähigen Netzwerks von Einheiten und Beziehungen.
Hansalim beschränkt sich nicht auf den Vertrieb von Lebensmitteln. Die lokalen Kooperativen organisieren laut Jonathan Dolley unter anderem Nachbarschaftstreffen, Bildungsformate, Gemeinschaftsküchen, Umweltkampagnen und soziale Aktivitäten. Einige haben sogar Care-Kooperativen aufgebaut, die Kinderbetreuung, Sorgearbeit für ältere Menschen oder Unterstützung für verletzliche Gruppen organisieren.
Damit wird sichtbar, dass Ernährung hier nicht isoliert betrachtet wird. Hansalim verbindet Versorgung, Kultur, Bildung und soziale Infrastruktur.
Hansalim zeigt, dass ein Lebensmittelsystem anders funktionieren kann, wenn Produzent:innen und Mitglieder sich nicht nur als Marktteilnehmer:innen, sondern als wechselseitig verantwortliche Partner:innen verstehen. Das verändert nicht nur Preise und Lieferketten, sondern auch die Kultur der Versorgung.
Ein oft unausgesprochener Zweifel lautet, ob gemeinschaftlich getragene Modelle nur im Kleinen funktionieren. Hansalim widerspricht dieser Annahme. Die von Jonathan Dolley beschriebenen Strukturen zeigen, dass auch ein sehr großes Netzwerk wertebasiert organisiert sein kann, wenn Föderation, Beteiligung und gemeinsame Standards ernst genommen werden.
Das Beispiel des Hansalim-PGS legt nahe, dass Qualität nicht allein durch formale Zertifizierung gesichert wird. Ebenso wichtig sind Transparenz, gemeinsame Kriterien, direkte Beziehungen und eine Kultur der gegenseitigen Verantwortung. Gerade darin liegt eine wichtige Anregung für alle Modelle, die Vertrauen nicht anonymer Marktlogik überlassen wollen.
Hansalim arbeitet nicht nur mit guten Absichten. Das Netzwerk hat Strukturen geschaffen, in denen Solidarität praktisch werden kann: lokale Kooperativen, Produzent:innen-Gemeinschaften, zentrale Koordination, Forschung, Bildungsarbeit und unterstützende Einrichtungen. Das zeigt, dass Solidarität dann tragfähig wird, wenn sie institutionelle Form annimmt.
Ein wichtiges Learning aus Hansalim ist die Verbindung von dezentralen Einheiten mit einem übergreifenden Zusammenhang. Die lokalen Genossenschaften bleiben handlungsfähig und nah an ihren Gemeinschaften, sind aber gleichzeitig Teil eines größeren Systems. Genau diese Balance zwischen Nähe und Koordination ist für viele kooperative Modelle eine Schlüsselfrage.
Hansalim ist ein starkes Beispiel, aber kein Modell, das sich einfach kopieren lässt. Es ist in einem sehr spezifischen historischen, kulturellen und politischen Kontext Südkoreas entstanden. Auch Jonathan Dolley weist darauf hin, dass die Größe und Komplexität des Systems eigene Spannungen und Herausforderungen mit sich bringen, etwa im Bereich der Governance, der Weiterentwicklung von Beteiligungsformen und der langfristigen Anpassung an gesellschaftliche Veränderungen.
Gerade deshalb ist Hansalim interessant: nicht als fertige Vorlage, sondern als reale, gewachsene Praxis, aus der sich ernsthafte Fragen ableiten lassen.
Hansalim zeigt, dass ein solidarisch aufgebautes Lebensmittelsystem nicht nur lokal und klein gedacht werden muss. Das südkoreanische Netzwerk verbindet ökologische Landwirtschaft, gemeinschaftliche Verteilung, Qualitätsverantwortung, Bildung und soziale Organisation in einer Weise, die weit über den klassischen Bio-Handel hinausgeht.
Besonders aufschlussreich sind dabei die enge Beziehung zwischen Produzent:innen und Mitgliedern, die föderierte Struktur, die eigenen Vertrauens- und Qualitätsmechanismen sowie die Verbindung von Ernährung und Gemeinschaft.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Hansalim einfach übertragbar ist. Spannender ist, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit Versorgung, Verantwortung und Kooperation dauerhaft zusammenfinden können.
Genau an diesem Punkt beginnt das eigentliche Lernen.
Die folgenden Seiten ergänzen diesen Überblick und gehen tiefer auf zentrale Aspekte von Hansalim ein:
Während dieser Beitrag die Struktur und Entwicklung von Hansalim beschreibt, zeigen die Vertiefungsseiten die zugrunde liegende Haltung sowie die konkrete Umsetzung in der landwirtschaftlichen Praxis.