Wenn die vorherigen Gedanken stimmen, entsteht während der Kindheit eine besondere Situation.
Auf der einen Seite steht die innere Wahrnehmung eines Kindes. Auf der anderen Seite stehen Eltern, Lehrkräfte, Bücher, Medien und eine ganze Gesellschaft, die dem Kind zeigen, wie die Welt funktioniert.
Oft ergänzen sich beide. Ein Kind lernt Worte für Erfahrungen, die es bereits gemacht hat. Es beginnt, seine Wahrnehmung einzuordnen, Zusammenhänge zu erkennen und das, was es erlebt, mit anderen Menschen zu teilen.
Doch was geschieht, wenn beides nicht zusammenpasst?
Was geschieht, wenn ein Kind die Welt auf eine Weise wahrnimmt, die nicht mit dem übereinstimmt, was es im Verhalten, in den Beziehungen und im Alltag der Erwachsenen erlebt?
Vielleicht beginnt genau dort ein Konflikt, über den wir viel zu selten sprechen.
Ein junges Kind besitzt meist noch keinen ausgereiften Verstand, mit dem es unterschiedliche Wirklichkeiten gegeneinander abwägen könnte. Es vertraut den Menschen, die es begleiten. Dieses Vertrauen ist nicht nur selbstverständlich, sondern überlebenswichtig. Gerade deshalb tragen Erwachsene eine besondere Verantwortung.
Natürlich muss nicht jede Wahrnehmung eines Kindes zutreffen. Kinder irren sich ebenso wie Erwachsene. Entscheidend ist jedoch nicht, ob sie sich irren, sondern wie wir mit ihrer Wahrnehmung umgehen.
Denn Kinder lernen nicht nur aus Erklärungen.
Sie lernen vor allem aus dem, was sie erleben.
Sie beobachten Beziehungen. Sie erleben Entscheidungen. Sie spüren Spannungen, Zwänge, unausgesprochene Erwartungen und Widersprüche. Lange bevor sie all das in Worte fassen können, beginnt ihr Verstand bereits, aus diesen Erfahrungen ein Bild der Welt zu formen.
Vielleicht entstehen viele innere Konflikte deshalb nicht erst dann, wenn einem Kind gesagt wird, dass seine Wahrnehmung falsch sei. Vielleicht entstehen sie bereits dort, wo das gelebte Leben der Erwachsenen etwas anderes zeigt als das, was das Kind in seinem Inneren als stimmig empfindet.
Das geschieht selten aus böser Absicht.
Oft geschieht es aus Fürsorge. Erwachsene möchten Kinder schützen, Orientierung geben und sie auf das Leben vorbereiten. Sie handeln aus dem ehrlichen Wunsch heraus, ihnen den richtigen Weg zu zeigen.
Und dennoch kann genau daraus etwas entstehen, das einen Menschen über viele Jahre begleitet.
Ein leises Gefühl, dass die eigene Wahrnehmung weniger verlässlich ist als die Wirklichkeit, die ihn umgibt.
Vielleicht beginnt genau hier die Entfremdung von sich selbst.
Deshalb frage ich mich, ob Bildung nicht noch eine weitere Aufgabe hat.
Nicht nur Wissen zu vermitteln.
Sondern jungen Menschen dabei zu helfen, ihre eigene Wahrnehmung zu bewahren und gleichzeitig offen für die Erfahrungen anderer zu bleiben.
Denn beides gehört zusammen.
Die innere Wahrnehmung allein genügt nicht.
Die äußere Welt allein ebenfalls nicht.
Erst im respektvollen Dialog zwischen beiden kann ein Mensch zu einer eigenen, tragfähigen Wahrheit finden.
Der nächste Beitrag widmet sich einer Frage, die sich daraus fast zwangsläufig ergibt.
Was geschieht, wenn ein Mensch sich über viele Jahre immer wieder anpasst, obwohl seine innere Wahrnehmung etwas anderes sagt?
Grundlagenwerk: Menschsein und Wirtschaft
Teil I – Der Mensch
Beitragsreihe: Vom inneren Wissen zur gemeinsamen Kultur
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