Wirtschaft & Vision › Zukunftsfähige Ernährungssysteme › Erfolgsgeschichten & Best Practices · 6 Min. Lesezeit
Was ist günstiger: verschmutztes Wasser technisch wieder sauber zu machen – oder dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst verschmutzt wird?
München hat diese Frage schon Anfang der 1990er-Jahre erstaunlich praktisch beantwortet.
Statt ausschließlich in technische Wasseraufbereitung zu investieren, begannen die Stadtwerke München, mit den landwirtschaftlichen Betrieben im Einzugsgebiet des Trinkwassers zusammenzuarbeiten.
Die Idee dahinter ist einfach:
Wer sauberes Wasser möchte, kann auch in die Gesundheit der Böden und der Landschaft investieren, durch die dieses Wasser fließt.
Ein großer Teil des Münchner Trinkwassers stammt aus dem Mangfalltal südlich der Stadt.
Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung hängen dort unmittelbar miteinander zusammen: Stoffe, die auf landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht werden, können langfristig auch das Grundwasser beeinflussen.
1992 gründeten die Stadtwerke München deshalb die Initiative „Ökobauern“.
Landwirtschaftliche Betriebe im Trinkwassereinzugsgebiet werden seitdem dabei unterstützt, auf ökologische Bewirtschaftung umzustellen.
Heute beteiligen sich allein im Mangfalltal rund 185 Betriebe. Gemeinsam bewirtschaften sie etwa 4.650 Hektar ökologisch.
Die Betriebe verzichten unter anderem auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und wirtschaften nach den Vorgaben anerkannter Bioverbände.
Besonders interessant wird das Beispiel, wenn man die Kosten betrachtet.
Eine von der OECD dokumentierte Auswertung nennt für das Münchner Programm Kosten von ungefähr:
0,005 € pro m³ Wasser
Dem gegenüber standen geschätzte Kosten einer technischen Wasseraufbereitung von:
0,23 € pro m³ Wasser
Das entspricht ungefähr dem 46-Fachen.
Diese Zahlen beziehen sich auf die untersuchte historische Situation und sollten nicht einfach auf heutige Bau- oder Betriebskosten übertragen werden.
Das Grundprinzip bleibt jedoch bemerkenswert:
Es kann wesentlich günstiger sein, die Entstehung einer Belastung zu verhindern, als ihre Folgen anschließend technisch zu beseitigen.
Die OECD berichtet zugleich, dass die Nitratkonzentration im betrachteten Programm auf ungefähr 7 mg/l halbiert werden konnte.
Das verändert den Blick auf Landwirtschaft.
Ein landwirtschaftlicher Betrieb produziert dann nicht nur Milch, Getreide, Gemüse oder Fleisch.
Durch seine Art der Bewirtschaftung entstehen gleichzeitig weitere Leistungen:
Diese Leistungen besitzen einen realen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wert.
Im Münchner Modell wird zumindest ein Teil dieses Wertes sichtbar gemacht und finanziert.
Nicht erst das Wasserwerk wird bezahlt, wenn das Wasser gereinigt werden muss.
Auch diejenigen werden unterstützt, die dazu beitragen, dass diese Reinigung möglichst gar nicht notwendig wird.
Ähnliche Ansätze gibt es auch an anderen Orten.
Auch die Stadtwerke Augsburg arbeiten seit Jahrzehnten mit landwirtschaftlichen Betrieben in ihren Wasserschutzgebieten zusammen.
Dort werden unter anderem freiwillige Vereinbarungen, Beratung, finanzielle Anreize und eine grundwasserverträgliche Bewirtschaftung miteinander verbunden.
Ein wissenschaftlich untersuchter Erfolgsfaktor war dabei die Beteiligung der Landwirt:innen selbst an der Entwicklung der Vereinbarungen.
Die Leipziger Wasserwerke gehen noch einen Schritt weiter.
Mit dem WasserGut Canitz betreiben sie über ein eigenes Tochterunternehmen Landwirtschaft innerhalb ihres Trinkwassereinzugsgebietes.
Auf rund 1.000 Hektar wird dort ökologischer Landbau gezielt mit Trinkwasserschutz verbunden.
Breite Fruchtfolgen, Zwischenfrüchte, Humusmanagement und niedrige Stickstoffsalden sollen dafür sorgen, dass möglichst wenig Nitrat ins Grundwasser gelangt.
Im Roh-Mischwasser des Wasserschutzgebietes Canitz/Thallwitz liegt der Nitratgehalt nach Angaben des WasserGuts heute unter 25 mg/l.
Untersuchungen verschiedener Wassereinzugsgebiete in Deutschland und Frankreich zeigen, dass erfolgreiche Kooperationen nicht allein von einer einzelnen landwirtschaftlichen Methode abhängen.
Entscheidend sind mehrere Dinge gleichzeitig:
Langfristige Zusammenarbeit
Landwirtschaftliche Veränderungen brauchen Zeit. Vereinbarungen müssen deshalb ausreichend langfristig und verlässlich sein.
Faire wirtschaftliche Bedingungen
Zusätzlicher Aufwand, Ertragsrisiken oder Umstellungskosten dürfen nicht allein bei den landwirtschaftlichen Betrieben liegen.
Landwirt:innen an der Entwicklung beteiligen
Maßnahmen funktionieren besser, wenn sie nicht einfach vorgeschrieben, sondern gemeinsam mit den Menschen entwickelt werden, die sie umsetzen.
Beratung und fachliche Begleitung
Geld allein verändert noch keine Landwirtschaft. Betriebe brauchen Zugang zu Wissen, Beratung und Erfahrungsaustausch.
Die Bedingungen des Ortes berücksichtigen
Boden, Niederschlag, Grundwasser, Betriebsformen und Kulturen unterscheiden sich. Deshalb braucht jedes Wassereinzugsgebiet eigene Lösungen.
Messen, ob die Maßnahmen tatsächlich wirken
Grundwasserqualität, Nitratwerte und andere relevante Parameter müssen langfristig beobachtet werden.
Das Beispiel führt zu einer größeren wirtschaftlichen Frage:
Wofür bezahlen wir Landwirtschaft eigentlich?
In unserem heutigen Ernährungssystem wird überwiegend das sichtbare Produkt bezahlt:
ein Liter Milch,
ein Kilogramm Kartoffeln,
ein Sack Getreide.
Doch Landwirtschaft gestaltet gleichzeitig Boden, Wasser, Landschaft und Lebensräume.
Eine Bewirtschaftungsform kann gesellschaftliche Folgekosten verursachen.
Eine andere kann dazu beitragen, diese Kosten zu vermeiden.
Wenn dieser Unterschied wirtschaftlich unsichtbar bleibt, entsteht ein verzerrtes Bild davon, welche Form der Landwirtschaft tatsächlich „günstig“ ist.
Das Münchner Beispiel macht einen Teil dieser unsichtbaren Rechnung sichtbar.
Trinkwasserschutz muss nicht erst im Wasserwerk beginnen.
Er kann auf einem Acker beginnen.
Auf einer Weide.
In einem Wald.
Und bei der Frage, wie wir diejenigen wirtschaftlich unterstützen, die diese Landschaften bewirtschaften.
Damit entsteht ein interessantes Prinzip für regionale Versorgungssysteme:
Nicht nur für Produkte bezahlen, sondern auch für die Bedingungen, unter denen unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen erhalten werden.
Das ist keine romantische Vorstellung von Landwirtschaft.
Im Fall München wurde genau diese Frage wirtschaftlich betrachtet.
Und zumindest in diesem konkreten Fall war Vorsorge nicht nur ökologisch sinnvoll.
Sie war auch deutlich günstiger als die technische Reparatur der Folgen.
Stadtwerke München – Ökologischer Landbau: Initiative „Ökobauern“
Informationen zur 1992 gegründeten Initiative, zur Zusammenarbeit mit den landwirtschaftlichen Betrieben und zur ökologisch bewirtschafteten Fläche im Mangfalltal.
Stadtwerke München – Trinkwasserschutz
Überblick über den Trinkwasserschutz der Stadtwerke München und die Bedeutung des Mangfalltals für die Münchner Wasserversorgung.
Stadtwerke München – Nachhaltigkeitsbericht 2024
Aktuelle Angaben zur Initiative „Ökobauern“, zur ökologisch bewirtschafteten Fläche und zur Nitratkonzentration des Münchner Trinkwassers.
WasserGut Canitz – Ökologischer Landbau und Trinkwasserschutz
Tochterunternehmen der Leipziger Wasserwerke, das seit 1994 auf rund 1.000 Hektar im Wassereinzugsgebiet ökologischen Landbau mit Trinkwasserschutz verbindet.
WasserGut Canitz – Wissenswertes über das WasserGut
Hintergrundinformationen zu Fruchtfolgen, Zwischenfrüchten, Humusmanagement, niedrigen Stickstoffsalden und dem Monitoring der Grundwasserqualität.
↑ Eine Ebene höher: Erfolgsgeschichten & Best Practices
Von Felix Schröder, mit Unterstützung von KI (ChatGPT)
Erstellt am 6. Oktober 2026 · Zuletzt aktualisiert am 6. Oktober 2026
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