Ich frage mich immer wieder, warum wir eigentlich davon ausgehen, dass ein Kind als unbeschriebenes Blatt zur Welt kommt.
Fast alles in unserer Gesellschaft baut auf dieser Vorstellung auf. Wir bringen Kindern Sprache bei. Wir erklären ihnen die Welt. Wir vermitteln Werte, Regeln und Wissen. Daraus entsteht leicht der Eindruck, als würde sich der Mensch erst nach seiner Geburt Schritt für Schritt mit Inhalt füllen.
Aber was ist, wenn wir Ursache und Wirkung vertauschen?
Was ist, wenn nicht die Seele lernen muss, sondern der Verstand?
Für mich beginnt genau an dieser Stelle ein anderes Verständnis vom Menschen.
Ich glaube nicht, dass die Seele erst nach der Geburt entsteht oder sich langsam entwickelt. Ich sehe sie vielmehr als etwas, das bereits vollständig vorhanden ist. Sie bringt Erfahrungen, Erkenntnisse oder eine Form von Wissen mit, für die es zunächst noch keine Sprache gibt.
Was einem Neugeborenen fehlt, ist nicht die Seele, sondern der Verstand als Übersetzer.
Erst der Verstand lernt, Begriffe zu bilden. Er lernt Sprache, kulturelle Zusammenhänge, Symbole und Denkmodelle. Erst durch ihn wird es möglich, das innere Erleben mit der äußeren Welt zu verbinden und auszudrücken.
Vielleicht besteht die eigentliche Entwicklung des Menschen deshalb nicht darin, Wissen anzusammeln. Vielleicht besteht sie vielmehr darin, eine Sprache für etwas zu finden, das bereits da ist.
Diese Unterscheidung verändert den Blick auf Kinder grundlegend.
Ein Kind ist dann kein leeres Gefäß, das gefüllt werden muss. Es ist ein Mensch, dessen Verstand sich langsam mit einer Welt vertraut macht, während die Seele diese Welt bereits auf ihre eigene Weise wahrnimmt.
Damit stellt sich auch eine andere Frage an Erziehung und Bildung.
Geht es wirklich darum, möglichst viel Wissen in einen jungen Menschen hineinzulegen?
Oder geht es darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen sich das bereits Vorhandene ausdrücken, entfalten und mit der Welt verbinden kann?
Ich glaube, dass diese Frage weit über Kindheit und Bildung hinausreicht. Denn unser Menschenbild prägt unsere Kultur. Unsere Kultur prägt die Art, wie wir zusammenleben. Und daraus entsteht letztlich auch die Form unserer Wirtschaft.
Deshalb beginnt diese Beitragsreihe nicht bei Wirtschaft, sondern beim Menschen.
Grundlagenwerk: Menschsein und Wirtschaft
Teil I – Der Mensch
Beitragsreihe: Vom inneren Wissen zur gemeinsamen Kultur
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