Wenn ich davon ausgehe, dass die Seele bereits Wissen mitbringt, stellt sich unmittelbar die nächste Frage.
Was entwickelt sich dann eigentlich während der Kindheit?
Für mich ist die Antwort nicht die Seele, sondern der Verstand.
Der Verstand ist das Werkzeug, mit dem wir die Welt ordnen. Er lernt Sprache. Er lernt Begriffe. Er erkennt Muster, baut Zusammenhänge auf und entwickelt mit der Zeit ein Bild davon, wie die Welt funktioniert. Ohne ihn könnten wir unsere Gedanken weder ausdrücken noch mit anderen Menschen teilen.
Genau deshalb ist Sprache weit mehr als Kommunikation.
Mit jedem neuen Begriff entsteht eine neue Möglichkeit, die Welt wahrzunehmen. Ein Kind kann etwas oft schon lange fühlen, bevor es ein Wort dafür kennt. Erst wenn Sprache hinzukommt, wird das innere Erleben auch bewusst greifbar.
Gleichzeitig übernimmt der Verstand nicht nur Wörter. Mit jeder Sprache übernimmt er auch Deutungen.
Wenn wir einem Kind erklären, was Erfolg bedeutet, was richtig oder falsch ist, was Leistung ist oder was ein guter Mensch ausmacht, vermitteln wir nicht nur Begriffe. Wir geben immer auch ein Weltbild weiter.
Der Verstand baut dieses Weltbild zunächst nicht kritisch auf. Er vertraut. Er übernimmt. Er versucht, aus den Erfahrungen der Menschen um ihn herum eine stimmige Wirklichkeit zu formen.
Genau darin liegt seine Stärke.
Und vielleicht auch seine größte Verletzlichkeit.
Denn wenn die Erklärungen der äußeren Welt nicht mit dem übereinstimmen, was ein Mensch innerlich wahrnimmt, entsteht eine Spannung. Der Verstand versucht dann beides miteinander zu verbinden. Mal gelingt ihm das. Manchmal beginnt er aber auch, der äußeren Erklärung mehr zu vertrauen als der eigenen Wahrnehmung.
Vielleicht beginnt genau hier etwas, das viele Menschen ihr Leben lang begleitet.
Nicht, weil sie ihre Seele verlieren.
Sondern weil der Verstand gelernt hat, ihr immer weniger zuzuhören.
Wenn das stimmt, bekommt Bildung eine völlig neue Bedeutung.
Dann geht es nicht nur darum, Wissen zu vermitteln. Es geht ebenso darum, Räume zu schaffen, in denen der Verstand lernen kann, seine eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen und sie mit der Welt in Beziehung zu setzen, anstatt sie durch vorgefertigte Antworten zu ersetzen.
Der nächste Beitrag geht einen Schritt weiter und beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Sprache der Seele und die Sprache der Welt zueinander verhalten – und warum daraus oft eine ganz eigene Sprache des Menschen entsteht.
Grundlagenwerk: Menschsein und Wirtschaft
Teil I – Der Mensch
Beitragsreihe: Vom inneren Wissen zur gemeinsamen Kultur
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